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Burgdorf, Schweiz

Konzert zum Ewigkeitssonntag und Gedanken zum 1. Advent




Letzten Samstag hatte ich die grosse Freude in der Gethsemanekirche ein Konzert zum Ewigkeitssonntag mitzugestalten.


Die Gethsemanekirche und ihre Geschichte

Die Gethsemanekirche in Berlin ist eine besondere und geschichtsträchtige Kirche.

Sie wurde zwischen 1891-1893 erbaut nach Plänen von August Orth. Den Namen erhielt die Kirche bei der Weihe durch den anwesenden Kaiser Wilhelm II.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Norden Berlins geprägt durch das arbeitende Volk und die entsprechenden Mietskasernen. Die Städtebaulichen Massnahmen beinhalteten vor allem der Schulbau für die rasch anwachsende Bevölkerung und der Bau von Evangelischen Kirchen. Diese erhielten, ähnlich wie die Gethsemanekirche, oft einen sehr repräsentativen Standort auf öffentlichen, grossen Plätzen. Die Katholischen Kirchen hingegen mussten oftmals mit einfachen Baugrundstücken vorlieb nehmen...

Von aussen wirkt die Gethsemanekirche wie eine Kirche mit typischen Längsraum und klarem Querschiff. Doch innen offenbart sich ein Kuppelartiger Bau, der vom Altarraum ausgehend ein Oktogon zeigt, das mit einem schönen Sternenhimmel geschmückt ist. Die Kirche hat im Laufe der Zeit verschiedene bauliche Massnahmen erfahren und wurde auch mehrfach umgestaltet. Die Akustik, die nicht leicht zu meistern ist, hat sich dabei nicht geändert.


Eine zentrale Bedeutung erlangte die Gethesmanekirche während der friedlichen Revolution 1989. Ab dem 2. Oktober war die Kirche Tag und Nacht geöffnet. Die Mahnwachen unter dem Motto "Wachet und betet" wurden von 1000en von Menschen besucht. Es wurden in dieser Zeit unzählige Menschen verhaftet und über Wochen festgehalten.

Am 5. November spielte die Staatskapelle Berlin Beethovens 3. Sinfonie "Eroica". Unter dem grossen Applaus des Publikums forderte der damalige Generalmusikdirektor der Komische Oper Berlin, Rolf Reuter "Die Mauer muss weg!" Danach ging ein spontaner Protestzug von der Gethsemanekirche aus durch die Schönhauserallee. Nach der Wiedervereinigung fand ein Gottesdienst in der Gethsemanekirche statt.

Seither sind einige Jahre vergangen und trotzdem ist es nach wie vor, wie wenn etwas von dieser Geschichte in den Räumen anzutreffen wäre.

Die Kirche wird nicht nur für Gottesdienste genutzt sonder auch sehr gerne für Konzerte genutzt, nicht nur von den Internen Ensembles der Gemeinde, sonder auch von international renommierten Ensembles.

Ich habe schon sehr oft in der Gethsemanekirche gesungen. Zum Jubiläum 30 Jahre Mauerfall sang ich die "Glagolitische Messe" von Janacek und das "Te Deum" von Bruckner unter der Leitung vom Kantor Oliver Vogt.

Im Rahmen von "Tagen des Friedens" sang ich das erste Mal das "Te Deum" von Walther Braunfels unter der Leitung von Thomas Hennig, um nur wenige Konzerte aufzuzählen.


Seit 2020 lag das Kulturelle Leben fast brach. Fast alle Gottesdienste wurden aufgezeichnet, Konzerte fanden so gut wie keine statt.


Das Konzert zum Ewigkeitssonntag

Am Samstag war es dann endlich so weit: Ein kleines Ensemble des Gethsemanechores sang das erste Mal wieder öffentlich ein Konzert, mit Orgel und mir als Solistin.

Das Ensemble war sehr gut vorbereitet und über die Orgelempore in gebührendem Abstand verteilt. Ich stand in der Mitte neben Oliver Vogt.

Wir sangen gemeinsam "Ihr habt nun Traurigkeit" aus dem Brahmsrequiem, "Laudate Dominum" von Mozart und zum Abschluss des Konzertes Mendelssohn "Hör mein Bitten".

Ich sang ausserdem "Abendgebet" von Nystedt und 2 Geistliche Lieder von Mendelssohn.

Der Chor sang auch noch einige schöne Stücke die wunderbar in die Dramaturgie passten und die Orgel gestaltete noch 2 Solostücke. Es war ein schönes, rundes Programm, das etwa eine Stunde dauerte. Die Veranstaltung fand auf der Basis von Spende und von 2G statt. Trotzdem wurde die Kirche nicht vollgestopft mit Menschen. In normalen Zeiten fasst die Gethsemanekirche 1000 Menschen. Es wurden bewusst genügend Abstände gelassen und die Besucher gebeten die ganze Zeit die Masken aufzulassen. Es haben sich alle Besucher*innen daran gehalten.

Das empfinde ich in diesen Zeiten als verantwortungsvolles Handeln verbunden mit dem kleinstmöglichen Risiko.

Ich hatte die Gelegenheit mich mit Oliver etwas zu unterhalten. Er sagte, es sei wichtig, dass Konzerte wieder stattfinden. Es seien andere Voraussetzungen als vor einem Jahr, wo es noch keine Impfung gegeben hat. Er findet, dass man in der Form, mit 2G, vielleicht auch 2G+ Konzerte verantwortungsvoll stattfinden lassen kann. Alles andere mit vorsorglichen Konzertabsagen etc. hält er, genauso wie ich übrigens auch, für das falsche Signal.

Kultur und Musik hilft uns über diese psychisch doch belastende Zeit.


Wie ich die Zeit zwischen dem Ewigkeitssonntag und dem 1. Advent erlebe

Ich spüre generell eine grosse Müdigkeit in der Gesellschaft. Hier in Mitteleuropa, wo sich alles scheinbar in zwei Lager teilt, noch mehr, als anderswo. Die Pandemie und die ewigen Debatten und Diskussionen darum zerren an all unseren Nerven.

Die Aggression nimmt zu. Nur ein kleines Beispiel: Ich bin mit Jalia in den Schönhauser Arkaden und öffne gerade eine Caprisonne für Jalia, die ein paar Meter weiter vorne läuft und wie kleinere Kinder das machen, etwas zickzack, weil sie da noch etwas sieht und dort das nächste. Da wird sie von einer Blondine um die 30 und ihrer Begleitung angerempelt. Statt sich bei Jalia zu entschuldigen, schnauzt sie uns an, ob das Kind nicht gefälligst gerade aus laufen könne...Ich schaue sie verdutzt an. "Das nennt man Erziehung" schreit sie mir im Vorbeigehen zu. "Nein, das nennt man Augen im Kopf haben und Rücksicht", sage ich laut zurück. Innerlich koche ich vor Wut. In einer vollen Mall sollte man als Erwachsener etwas mehr Toleranz haben und entsprechend für seine Mitmenschen auch Verantwortung übernehmen. Wir sind grösser und man müsste meinen, dass wir einen etwas besseren Überblick hätten, als die Kinder, die wesentlich kleiner sind. Und den Eltern dann immer dieses idiotische Totschlagargument mit "Erziehung" an den Kopf zu werfen für eine Bagatelle finde ich echt daneben! Wenn ein Kind in einem Restaurant mit Spagetti wirft oder sich dort wie der letzte vorzeitliche Affe benimmt kann ich es ja verstehen, aber nur weil ein Kind nicht Roboter mässig geradeaus läuft wie sich das eine Blondine mit Anfang 30 vorstellt, dann stösst das bei mir auf absolutes Unverständnis. Wie oft habe ich in den letzten Wochen und Monaten, eigentlich seit der Pandemie, beobachtet, dass Kinder und Familien zum Frust- Abladeplatz wurden? Es ist wirklich beschämend. Es ist beschämend, was in unserer Gesellschaft vor sich geht und das alles unter dem heuchlerischen Deckmantel von "Selbstverantwortung", "Toleranz" und der demokratischer Gesellschaft, wo jeder die gleichen "Rechte" hat und frei über sich entscheiden könne.


Die Adventszeit und ihre Bedeutung

Man könnte wirklich meinen, dass jeder sich selber der oder die Nächste ist. Und ausgerechnet in dieser agressiv werdenden Zeit, wo all unsere Nerven so blank liegen, dass sie sich fast wund anfühlen, steht die Adventszeit vor der Tür.

Die Zeit der Hoffnung, Ankunft, der Nächstenliebe, der Geborgenheit.

Doch wissen die meisten Menschen wirklich noch, was die Adventszeit bedeutet? Wer da angekommen ist? Welches Versprechen eingelöst wurde für uns alle?

Man muss nicht religiös sein um sich dieser Zeit bewusst zu werden und sie anzunehmen.

Gerade in dieser Zeit liegt so viel Positives und soviel Potential. Es ist doch kein Zufall, dass die Adventszeit in der dunkelsten Zeit des Jahres bei uns stattfindet. Es geht nicht nur darum Menschen, die man liebt, eine Freude zu machen. Es geht doch auch darum innezuhalten und in sich zu gehen. In sich hinein zu horchen, zu sehen, was in uns drin vor sich geht. Es geht viel mehr darum nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich ein Licht zu entfachen. Und gerade das würde ich mir dieses Jahr so sehr wünschen: Dass mehr Menschen ihr inneres Licht wieder aufbrennen lassen würden. Dass die Nächstenliebe nicht einfach zu einer müden Floskel wird, sondern wieder gelebt wird. Haben wir es nicht alle verdient geliebt zu werden als den Mensch, den wir sind und nicht für unsere Leistung?


Adventszeit in der Pandemie

Ich spüre in dieser Pandemie so viel Kälte. Soviel Angst, Unverständnis und immer mehr regelrechter Hass, auf alle, die anders denken oder handeln. Ist das wirklich notwendig? Löst das unsere gesellschaftlichen aber auch unsere eigenen Probleme? Die Probleme der Politik, die sie auch oft selbst verursacht hat?

Trotz all dieser Widrigkeiten höre ich nicht auf an das Gute in uns allen zu glauben.

Ich habe keine Lust mich auf Schuldsuche zu begeben. Es ändert die jetzige Situation nicht.

Ich habe keine Lust mit den Wölfen zu heulen und Mitmenschen für ihre Entscheidungen zu verurteilen.


Gelebte Nächstenliebe

Es macht mich eher traurig zu sehen, wie die Intensivstationen sich füllen, die Pfleger*innen dort über ihre Belastungsgrenzen hinaus kommen und festzustellen, dass dies eigentlich vermeidbar gewesen wäre mit 2-3 Piksen. Für mich zählt in dem Fall auch nicht die beliebte Argumentation, dass ja auch Intensivbetten abgebaut worden seien, in der Pandemie. Ja, das ist wohl wahr und für mich auch nicht nachvollziehbar, aber das alleine füllt die Stationen ja nicht in dem Masse auf, wie wir es zur Zeit erleben. Was nützten all die Intensivbetten, wenn das Personal nicht da ist, weil es inzwischen Pandemie müde und ausgebrannt ist?

Auch das Argument, dass für 90% der Menschen eine Covid Erkrankung "harmlos" sei zählt in meinen Augen nicht. Stellen wir das kurz in Zahlen dar: 88.000.000 Menschen leben in Deutschland. Wir gehen zur Zeit davon aus, dass rund 17.000.000 Erwachsene noch nicht geimpft sind. Davon 10% sind rund 1.700.000 Menschen die voraussichtlich einen schweren Verlauf haben werden. Klar, die erkranken nicht alle auf einmal. Aber wer auf der Intensivstation landet, bleibt da meistens mehrere Wochen liegen, bis er oder sie stirbt oder vielleicht wieder gesund raus geht. Wobei ich mit dem Begriff "gesund" sehr vorsichtig sein würde nach einem schweren Verlauf.

Das sind definitiv zu viele mögliche Patient*innen...und jeder von diesen Menschen hat eine eigene Geschichte, ein eigenes Schicksal, eigene Beweggründe, warum er sich für oder gegen etwas entscheidet in seinem Leben.


Die meisten Menschen geben ihr Auto, wenn es kaputt ist in die Werkstatt, vertrauen ihre Steuererklärung einem Steuerberater an, schicken ihre Kinder zur Schule, wo sie von ausgebildeten Pädagogen unterrichtet werden. Warum vertrauen soviele von diesen Menschen nicht auf die Wissenschaft, die sich auf diesen Gebieten wirklich auskennt?

Warum werden immer wieder Fakten aus YouTube oder Facebook oder sonstigen Portalen des Internets als "Die Wahrheit" und "Alternative" präsentiert zu den Wissenschaftlich fundierten Kenntnissen, obwohl diese "Wahrheiten" sich längst als falsch entpuppt haben? So viele Gerüchte und Unwahrheiten halten sich so hartnäckigst und tragen zur Spaltung der Gesellschaft bei. Was auch traurig ist, dass viele nicht mehr bereit sind sich gegenseitig zu zuhören.

Ja, auch ich habe meine Meinung zu diesem Thema, aber trotzdem möchte ich weiterhin Menschen, die anders denken zuhören, ohne sie missionarisch mit meiner Meinung überzeugen zu wollen. Wäre das nicht auch gelebte Nächstenliebe, sich gegenseitig zu zuhören? Wäre es nicht auch ein Akt der Nächstenliebe zu überlegen, was man zum allgemeinen Wohl der Gesellschaft beitragen könnte, damit dieser scheinbar endlose Pandemiealbtraum endlich endet?

Ich vermisse den Austausch von verschiedenen Meinungen in unserer Gesellschaft ohne Aggression oder Besserwisserei. Ist nicht gerade dieser Austausch die Basis einer gesunden Demokratie und somit einer gesunden Gesellschaft?


Hilflosigkeit versus Liebe und Geborgenheit

In Österreich und auch bereits in Teilen Deutschlands zeigt sich die Hilflosigkeit der Politiker gegenüber dem Pandemiegeschehen in einem erneuten Lockdown. In Österreich kommt nun eine Impflicht ab Februar, weil sie keine anderen Lösungsweg mehr sehen, als alle, die können, zur Impfung zu zwingen. Das ist für eine freie Gesellschaft ein sehr harter und radikaler Schritt.

Ich frage mich, was dieser Schritt mit unserer Gesellschaft machen wird.

Kommt die Impflicht auch nach Deutschland oder in die Schweiz?

Es sind so viele verschiedene Fragen der Gesellschaft, die mich beschäftigen und auf die ich zur Zeit keine Antwort weiss.

Ich empfinde diese ganze Zeit als grosse Herausforderung. Eine Art Lebensprüfung nicht nur im privaten Bereich sondern auch bezüglich meines Berufes.

Ich erlebe wieder erneut, dass Konzerte vorsorglich abgesagt werden. Es erschüttert mich nicht mehr. Ich empfinde eigentlich gar nichts mehr, wenn eine Absage kommt, nur eine seltsame Leere, die ich so in mir bisher nicht gekannt habe. Ich rechne inzwischen mit allem und versuche den Stürmen, die lauern entgegen zu sehen und sie auszuhalten und zu bewältigen.


Gerade in dieser Zeit brauchen wir alle Inseln der Wärme, die uns wieder Kraft geben. Die einen finden diese in Filmen, einem Kinobesuch, Besuchen bei der Familie, bei Freunden. Die anderen in Form von Konzerten, gemeinsamen Proben, Museumsbesuche oder auch des Besuchs beim Lieblingsclub oder bei einer Tasse Tee in den eigenen vier Wänden. Es gibt unzählige Möglichkeiten sich solche kleine Inseln zu schaffen, die uns gerade in solchen Zeiten ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. In der Geborgenheit können wir unsere Kraftreserven wieder auftanken.

Ich tanke meine Energie über die Bewegung und das Singen auf. Jetzt wo es kälter wird mit ausgedehnte Spaziergängen und Indoorsport.

Diese Woche hatte ich das grosse Glück, dass mein Coach, Kirsten Schötteldreier, Zeit für mich hatte an 2 aufeinander folgenden Tagen. Das war für mich sehr wertvoll und bereichernd und es hat mir wieder neue Energie und Zuversicht gegeben. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Auch das Konzert zum Ewigkeitssonntag hat mich mit Wärme erfüllt und auch mir Trost gegeben. Das sind wertvolle Momente für mich, die ich in meiner Seele speichere und in Momenten des Frusts oder auch der Hoffnungslosigkeit abrufen kann. Dann ist es so, wie wenn mein inneres Licht aufhören würde zu flackern, sich stabilisiert und wieder zu einer starken Flamme wird. So, wie hoffentlich die Kerze, die wir am kommenden Sonntag entzünden werden, am 1. Advent, wenn die Zeit der Hoffnung, der Nächstenliebe und der Ankunft beginnt. Ich wünsche allen von uns und speziell in diesen Zeiten eine schöne Adventszeit voller Geborgenheit und Liebe.


Hier ein kleiner Ausschnitt vom Konzert und ein kleiner Gruss von mir zum 1. Advent:









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